Mittwoch, 5. Mai 2010

BITTE GANZ SANFT, FRAU SCHNEIDER!

Würde ich meine Bloggeschichten jeweils vorlesen müssen - dann wäre zumindest heute hier ausser betretener Stille nichts zu hören.
Nicht, weil ich nichts zu sagen hätte ... weil ich nicht kann!

Ich hatte heute nämlich meinen halbjährlichen Dentalhygiene-Termin. Diese neuzeitliche Foltermethode soll gewährleisten, dass ich auch im hohen Alten mit meinen eigenen Kauleisten noch kraftvoll zubeissen kann. Aber welch Höllenqualen ich da jeweils erleide ...
Was Zahnarzttermine anbetrifft, so bin ich nicht nur nicht mutig, ich bin zugegebenermassen unmutig! Man könnte es schon schier als feige benennen. Heute Morgen, zum Beispiel, habe ich nach draussen geschaut und den Regen bemerkt. Nicht dass ich eine Naturkatastrophe heraufbeschwören möchte - aber wäre dieser Regen jetzt in sintflutartige Wassergüsse ausgeartet, die Geleise der Bahnstrecke zwischen Thun und Bern unterspült worden, sämtliche Zugangsstrassen in die Hauptstadt gesperrt - ich wäre nicht wahnsinnig traurig gewesen. Es wäre aus meiner Sicht zu verkraften gewesen.

Dem war aber nicht so, alle Züge fuhren fahrplanmässig und gegen 11.00h fand ich mich ergo auf dem Behandlungstuhl meiner Dentalhygienikerin, Frau Schneider, wieder. Frau Schneider ist eine ganz Liebe, wirklich. Sie lächelt freundlich, macht sogar Spässe, fragt immer wieder nach dem Wohlbefinden. Dies meist dann, wenn die Knöchel meiner in die Lehnen gekrallten Finger hellweiss hervorstechen und meine Augäpfel sichtlich pulsieren.
Meine Antwort darauf ist immer wieder die gleiche: "GRMPFTTKDJGH!!!". Weil ... mehr geht nicht, hat man 2 Marterinstrumente mitsamt Händen im Mund.
Dass sie mich anlächelt, sehe ich nur an ihren Augen und den kleinen Fältchen auf der Stirn, der Rest des Gesichtes wird ja mit einem Schutze verdeckt. Der Höflichkeit halber probiere ich dann jeweils zurück zu lächeln - mit geringem Erfolg, aus gegebenem Anlass.
Meine Pein beginnt ja schon eine Stunde vor dem Termin. Ich putze mir die Zähne so gründlich, als müsste der ganze Zahnschmelz weg. Dann wird gezahnseidelt bis zum Anschlag, Depp ich. Ich will ja einen guten, gepflegten Eindruck hinterlassen! Gründlichst gurgeln, den Hauchtest in die hohle Hand machen und anschliessend die ganze Aktion für tauglich befinden.
Heute war ich mal wieder zu früh da. "Es dauert noch ein paar Minuten" - so die Zahnarztgehilfin. "Ach kein Problem ... also ... wir können auch einen neuen Termin vereinbaren ... in 150 Jahren ...?" so ich. Sie grinste und schickte mich ins Wartezimmer.

Hocke ich dann eingeschüchtert im Wartezimmer, ist jedes noch so leise Türquitschen Qual. Ich weiss was gleich um die Ecke kommt ... Frau Schneider!
"Guten Tag Frau Sternenzauber!", sagt sie dann jeweils, mit ihrem nettesten Lächeln. Ich quetsche grade mal eben ein "Ein guter Tag ist anders - aber Hallo Frau Schneider" zwischen den zusammengepressten Zähne durch. Wäge nochmals die Möglichkeit der Flucht ab und ergebe mich dann gezwungenermassen der Situation.

Sie:"Liegen Sie bequem?" Ich: "Mmmm". Sie. "Soll ich den Radio einschalten?" Ich: "Ja, dann hört man meine Schmerzschreie nicht so". Sie: "Dann wollen wir mal". Ich: "Wir?"
Sie: "Na, haben Sie immer regelmässig geputzt und auch jeden Tag Zahnseide benutzt?" - und wieder lächelt sie. Ich: "Jawoll, ich putze jeden Tag gründlich die Zähne. 1x in der Woche sogar mit dem hässlich-grausigen Fluorgel - wäääh" und zeige die Zähne. Sie: "....und Zahnseide..."? Ich: "J ......ein. Also schon, aber nicht immer. Ein bisschen weniger als häufig. Sozusagen unhäufig. Ok - ich gebs ja zu - 3x in der Woche".
Sie: "Aha".


Ich weiss jetzt nicht zu deuten, ob das jeweils ein positives oder negatives Aha ist. Sie hat aber dazu gelächelt. Ich glaube, sie mag mich.
Manchmal frage ich mich, ob Dentalhygienikerinnen - so freundlich und ausgeglichen sie auch immer scheinen mögen - nicht tief in sich ein unterschwelliges, unterdrücktes Problem mit Mitmenschen haben. Leichten Hang zu Aggressionen. Und so. Wer weiss ... ?

Wenn ich dann zuhöre, wie die diversen Meissel, Ahlen, Feilen und dergleichen über meine Zahnreihen schmirgeln, dann bin ich versuchter Meinung, mein Mund sei eine Tropfsteinhöhle. Frau Schneider schabt, pickelt, kratzt. Um dann irgendwann nach 45 Minuten zu vermelden: "Geschafft - spülen"!
Was für ein Moment! Ab da geht es mir jeweils rasant besser. Ich lache mit blitzeblanken Beisserchen Frau Schneider an, bedanke mich für die liebevolle, fürsorgliche Behandlung und schwebe aufgehübscht aus der Praxis.
Natürlich unter Mitnahme des nächsten Folter-Termins. Wer schön sein will muss leiden. Punkt.
Und ... na ja ... so schlimm war es ja eigentlich doch nicht. Am Resultat gemessen.

Als Mittagessen gab es kühlenden Joghurt-Drink. Am Abend werde ich es mit einer warmen Suppe probieren. Meine oralen Äusserungen betreffend die öffentlichen Kundgebungen bezüglich meiner Person, werden sich heute Nachmittag auf das Notwendigste beschränken. Besonders die Zischlaute schmerzen. Müsste ich mich mit "Frau Sternenzauber" melden, würde ich heute Nachmittag zu "Ernenauber" mutieren. Zum grossen Glück heisse ich aber viel unkomplizierter und völlig ungezischt. Es müsste ergo machbar sein.

Vielleicht ... vielleicht ... kann ich morgen schon wieder schmerzfrei küssen.

ICH HOFFE ES!

Kommentare:

Angelina de Satura hat gesagt…

Ich musste herzhaft lachen, ein paar Szenen kommen mir sehr bekannt vor :D
Liebe Grüße und viel Vergnügen morgen... beim Knutschen ;)

Sternenzaubers Geschichtenhimmel hat gesagt…

Danke, liebe Angelina!
Es geht heute auch schon besser .-)

Liebe Grüessli mit Strahle-Lachen

Sternenzauber

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