Dienstag, 20. Juli 2010

TO MUCH!

Ich bin als ein durch und durch gutmütiger Mensch bekannt, eine unumstössliche Tatsache. Frauenzimmer mit Herz, sagt man so landläufig.
Diese Eigenschaft wäre ja grundsätzlich durchaus positiv zu werten - würde sie sich nicht ab und an verselbstständigen. Galoppierend durch die Gegend sausen und "wer hat noch nicht - wer will noch mal?" rufen.
Ich spende, ich unterstützte, ich verteile, ich gebe. Und das gerne.

Seit ich in der Nähe einer Drogenangabestelle arbeite (Fixer-Stübli genannt), bin ich zumindest da ein wenig zurückhaltender geworden, wenn mich wieder mal einer anquatscht "hesch mer mau e Schtutz?" ("Hast Du einen Franken für mich übrig?").


Ich stehe aber jederzeit gerne als Gegenüber für Gespräche zur Verfügung - und mein letztes Gespräch mit dem einem Trupp soeben frisch Methadon-Gepushten gebe ich hier kurz mal wieder.

Auf Berndeutsch wie folgt:
Er: "Hoi Du - säg mau, büglisch Du?"
Ich: "Ja, da äne, i dr Garage" *ihnfreundlichanlächel*
Er: "Auso ... so richtig bügle? So paar Schtung am Tag?"
Ich: "Ja, 9 Schtung täglech".
Er: "Nei - ächt? Gopferteli no mau. Vou Scheisse, he?"
Ich: "Nei ... eigentlich nid. Gfaut mer super und ig schaffe gärn dört!"
Er: "Ou Du Armi. Vou dr arm Siäch. Hesch vou nüt vom Läbe. Ig wünsche Dir ömu aus Guete und häb Sorg uf Di. Bisch nämlech no es nätts Chicken. Seisch mers eifach, wed mau öppis bruuchsch".

Auf Hochdeutsch - so gut der berndeutsche Charme es eben zulässt:
Er: "Hallo Du, sag mal, arbeitest Du?"
Ich: "Ja, da drüben in der Garage" *ihnfreundlichanlächel*
Er: "Also ... so richtig arbeiten? Ein paar Stunden am Tag?"
Ich: "Ja, 9 Stunden täglich"
Er: "Nein - wirklich? Himmerherrgottnochmal. Voll Scheisse, oder?"
Ich: "Nein ... eigentlich nicht. Gefällt mir dort sehr gut und ich arbeite da richtig gerne!"
Er: "Oh Du Arme Du. Bist voll die arme Sau. Nichts vom Leben. Ich wünsche Dir jedenfalls alles Gute und pass gut auf Dich auf. Bist nämlich eine echt Nette. Sag es mir einfach, wenn Du irgendwann mal was brauchst".

Für einmal war ich perplex und fand kein Wort. Das kommt relativ selten vor. Dafür kichere ich noch heute, wenn ich daran zurück denke.
Denn bis anhin war ich wirklich und wahrhaftig der Ansicht gewesen, dass sich die Situation genau umgekehrt verhält ...?! So von wegen arme Sau.
Übrigens: Ich sehe es immer noch genau so. Seither noch vielmehr!

Jedenfalls hatte ich gestern mal wieder meinen freigiebigen Tag. Wartete kurz nach Mittag bei der Tramhaltelle auf mein Gefährt und wurde von einer jungen Dame um Geld angesprochen. Sie sprach ganz leise, schien total verschreckt, hungrig, durstig, scheu. Und vielleicht, weil sie nicht ganz so platt fordernd ihr Anliegen anbrachte - und ich momentan eh nur aus butterweichem Herz bestehe - meinte ich zu ihr: "Ok, aber Geld gebe ich nicht. Ich kann Ihnen anbieten, dass wir kurz zusammen in die Bäckerei da drüben gehen, Sie suchen sich etwas zu Trinken und ein Sandwich aus - das wäre mein Angebot an Sie".
Erst dachte sie nach. Dann zuckte sie mit der Schulter und meinte: "De auso" - was so viel heisst wie: "Find ich doof, aber immerhin...".
An dieser Stelle hätte ich die Aktion wohl eigentlich abbrechen müssen - aber trotzdem lud ich die Dame mit einer ausholenden Handbewegung in die Bäckerei ein. Geordert hat sie sehr resolut das sündhaft teure Bio-Lachs-Sandwich, welches dem Preis nach zu urteilen mit Lachs gefüllt sein müsste, der vom zarten Babyalter an handgefüttert und täglich massiert worden ist. Gehätschelt mit Privatbademeister und jede Schuppe vom Butler einzeln glanzpoliert.


Ich persönlich nehme mir jeweils da ein Mineralwasser - die schüchterne Dame, sie wählte auch hier den von der Bäckersfrau selber gemachten Eistee mit Goldmelisse von der Alp mit Südhang und immer währender Sonne, handgepfückt und qualitätsverlesen. Luxusbestäubt von gecasteten Superbienen. Umweht mit pflegendem Spezialwind, der sattes Grün noch grüner werden lässt. Abgefüllt im trendigen Designer-Fläschli! Was alles natürlich seinen Preis hat.

Auf meinem persönlichen "Gutmenschkonto" wurden übrigens für genau 22.40 Schweizer-Fränkli Punkte gutgeschrieben!! Wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob diese Punkte nicht subito und direkt auf das Konto "very blond" rüber transferiert wurden ...
Sozusagen

TO MUCH BLOND!

Kommentare:

Schneeflocke hat gesagt…

Uuuuuuuuuuuuuuuuuuups du bist aber wirklich gutmütig/großhrezig!!!

Wie immer supernett und untrhaltsam erzählt....

Viele liebe Grüße, Birgit

Smilla hat gesagt…

Ach ja so kann es gehen...ich hatte früher auch immer solche Angebote gemacht....aber die Menschen die mich angebaggert hatten, wollten nicht mit mir essen gehen... war ich ihnen wohl zu funzig?
Da ich hier in Franzen ein Berneroberländerfründinli gefunden habe, verstehe ich nun also auch den von meiner Brustelle ca. 200 km entferten Dialekt und musste NICHT von der Übersetzung Gebrauch machen...
Heute bin ich früh dran...aber jetzt muss ich los sonst tapse ich wieder an Ort und Stelle!
Sei herzlich bisouisiert und heb än ganz glungänä Tag!!!
bbbb

Angelina de Satura hat gesagt…

Das erste Lachen für Heute, hast Du mir geschenkt, danke!
Liebe Grüße

Elisabeth J.-S. hat gesagt…

Das ist ja zum Lachen und fast Weinen gleichzeitig. Man lernt nie aus...aber grundsätzlich ist die Idee gut. Ich geb auch kein Geld mehr her. Aber das Angebot eines Sandwich oder Getränk wird nicht angenommen. Mir begegnen da scheinbar die eher aggressiven Mitmenschen. Und um bestimmte Orte mache ich einen Bogen...
Da siehst Du mal, wie verdreht die Welt manchmal ist. Du bist froh, dass Du arbeiten kannst und machst es gerne. Und dann tust Du ihm leid. So habe ich das auch noch nie gesehen. Ich mag aber auch lieber weiter bei meiner Sicht der Dinge bleiben.
Es ist so schön, dass Du noch immer so lustig und herzerfrischend schreibst.
Ich wünsche Dir einen schönen Dienstag
Elisabeth

Johanna hat gesagt…

Mensch Fränzi,
so kanns gehen. Die Dame hatte wohl schon bessere Zeiten gesehen. Auf jeden Fall wollte sie das bestmögliche rausholen. Wird dir im Himmel gutgeschrieben, auf jeden Fall zählt das doppelt.
Liebe Grüße, Johanna

Neckarstrand hat gesagt…

Liebe Franziska,wen es nicht o traurig wäre, würde ich schallend lachen. (Ganz im Vertrauen: HABE ICH AUCH)
Ja so kann es gehen, die Ärmsten der Armen wissen zumindest, wen sie so richtig schröpfen können: Nämlich die, die auf sie reinfallen und obendrein noch gutnütig sind. Aber ehrlich:
Da muß ja wwirklich ein halber Lachs verarbeitet worden sein.
Einen angenehmen Tag - und nicht zu freigebig sein -
wünscht Dir Irmi
Schon Busch sagte: "Kein Ding sieht so aus, wie es ist."

Rosine hat gesagt…

Eine herrliche Geschichte, ob erlebt oder nicht! Du bist einfach zu gut für diese Welt!
Liebe Grüße
Rosine

speedy hat gesagt…

Eine schöne Geschichte!
Da solltest Du wohl etwas teurer davon kommen... Ich wohn ja seit25 jahren in der Grossstadt im Erdgeschoss und da wird man manchmal direkt in die Wohnung auf Geld angesprochen, wenn man lüftet. Ich hab jahrelang Einem jeden Sonntag eine Stulle geschmiert und herausgereicht. Er war damit zufrieden! Aber die meisten wollen einfach nur Geld...Liebe Grüsse Gabi
Ich hoffe Deinem Schatz geht es gut, darf er denn nicht mal nach hause zwischendurch?

malesawi hat gesagt…

Ich bin auch so eine arme Sau: 8 Stunden arbeiten, eine feste Wohnung und Klamotten, die ich waschen muss. ;-))))
Ich glaube, dein Gutmenschkonto ist für die nächsten 3 Monate gefüllt. Das nächste Lachssandwich kaufst du besser für dich.
Liebe Grüße

Sternenzaubers Geschichtenhimmel hat gesagt…

Liebes Flöckchen
Ja gell, frau tut, was sie kann ... :-))
Danke und ganz ganz doll liebe Lächelgrüesslis
Franziska Sternenzauber

Sternenzaubers Geschichtenhimmel hat gesagt…

Brischittchen, mein Herz
Ansonsten ist das meist wirklich so - money or nothing. Geht mir auch so.
Diesmal nicht - und trotzdem in die Hoso. Bzw. ins Geld. :-)
Ach ja, ich hoffe, es hat gemundet. .-))
MüGrüUm und das rundrum
Dis Fränzi Schtärnezouber

Sternenzaubers Geschichtenhimmel hat gesagt…

Liebe Elisabeth
Ja, ich sehe das wie Du. Und wegen dem Schreiben: Humor ist der Schwimmgürtel des Lebens. Genau so geht es mir.
und inmitter Tränen, haben auch Lachtränen ihren Platz.
Muss so sein. Dringend. Gerade weil.
Herzlichst und mit Lächelgrüesslis
Deine Franziska Sternenzauber

Sternenzaubers Geschichtenhimmel hat gesagt…

Liebe Johanna
Doppelte Punkte im Sternenhimmel? Toll!!
"Wer will noch was zu trinkeeeeen? Oder was zu esseeeeen?" :-))
Herzlichst Lächelgrüesslis
Deine Franziska Sternenhzauber

Sternenzaubers Geschichtenhimmel hat gesagt…

Liebe Angelina!
Das erste Lachen? Wegen mir?
Ich finde - ein guter Tag! :-)
Herzlichst und mit Lächelgrüesslis
Franziska Sternenzauber

Sternenzaubers Geschichtenhimmel hat gesagt…

Liebe Irmi
Der Lachs war so schön dekoriert ... handgeschlagene Meerrettichmousse mit paar Kaviar-Eichen verziert ... lecker-schön!
Ich hab wieder was gelernt ("ich kann Ihnen ein einfaches Mineralwasser und ein kleines Salamisandwich anbieten!" - jawoll.
Mein spezielles Lächeln für Dich mit Herzgrüesslis
Deine Franziska Sternenzauber

Sternenzaubers Geschichtenhimmel hat gesagt…

Liebes Rosinchen
Ist eine wahre Geschichte - sind eigentlich alle. Vielleicht ein bisschen ausgeschmückt und verziert, aber immer wahr.
Diese sogar unverziert. Aber ich muss heute doch sehr lächeln. Habe sie am Mittag übrigens wieder gesehen.
Sie fragte sich wieder durch ... ich hab auf der anderen Strassenseite zugeschaut. :-)
Herzlichst und mit Lächelgrüesslis
Franziska Sternenzauber

Sternenzaubers Geschichtenhimmel hat gesagt…

Finde ich ja eine schöne Geschichte, liebe Speedy. Sonntags-Stulle und 2 zufriedene Menschen. Schöne Vorstellung!
Gut gemacht!
Wegen meinem Katerli-Schätzu ... ich schreibe Dir eine Mail.
Herzgrüessli mit Lächeln
Franziska Sternenzauber

Sternenzaubers Geschichtenhimmel hat gesagt…

Liebe malesawi
Was sind wir doch für arme Geschöpfe ... ein geregeltes Leben...!
Ach herrjee.
Duuu, hast Du mir mal Deine Mailadresse? Ich find auf Deiner Seite irgendwie nix ... bin vielleicht auch nur zu unaufmerksam.
Infolge Welt steht Kopf. Ach ja.
Ganz liebe Lächelgrüesslis
Franziska Sternenzauber

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