Donnerstag, 19. November 2009

STERNENZAUBER STATT TRISTESSE

Irren kann glücklich machen - davon bin ich seit gestern Abend überzeugt...

Eine Situation, wie es sie jeden Tag wohl tausende Male gibt - auf der ganzen Welt. Es ist 18.30h, der Zug ist eben angekommen, die Menschen beeilen sich den Bus noch zu erreichen.
Sie sind müde vom Tag, diese Menschen. Die Hetze des Tages lässt so langsam nach - die Einen sitzen mit geschlossenen Augen da, andere lesen irgend eine Gratiszeitung, der Mann vorne telefoniert wohl kurz nach Hause um zu melden, dass er gleich da sein wird.
Die Dame vor mir stellt ihre Tasche auf den Nebensitz - für mich immer ein deutliches Zeichen der Abgrenzung und auch einer gewissen Ignoranz, denn der Bus ist voll, wenige freie Sitzplätze. Neben mir ist noch frei - ein junger Mann hat sich davorgestellt, ist ein wenig unsicher - soll er sitzen oder nicht? Er entscheidet stehen zu bleiben.
Allgemein herrscht Ruhe und man ist froh, bald daheim zu sein. Und ein Jeder hängt seinen Gedanken nach, ist mit sich beschäftigt. Selbst ich.
Also - wie immer.

Die Türen schliessen, der Bus ruckt an. Fährt durch die Strasse nach vorne zum Kreisel - und ich bemerke, dass unser Städtchen in hellem Weihnachtsglanze leuchtet. War letzte Woche noch nicht. Die Zeit läuft ...
Unbewusst schaue ich in die Schaufenster - voll von Engeln, Nikoläusen, Kutschen, künstlichem Schnee. Ob ich wohl so langsam an Geschenke denken sollte?
Nein Sternenzauber, nicht heute Abend, lass es. Und überhaupt. Zu früh.

Der Bus hält kurz am Kreisel, fährt weiter. Aber .... hallo .... sitze ich im falschen Bus? Der müsste doch jetzt um den Kreisel rum, unter der kleinen Bahnhofbrücke durch, rechts hoch! Er aber fährt pfeilgrade in die andere Richtung.

So langsam kommt Leben in die Bude. Der junge Mann schaut mich ein bisschen hilflos an, der alte Mann da vorne hat die Augen wieder offen, schaut verdattert. Jemand dreht sich zu mir um und fragt, welcher Bus denn das sei? Irritation macht sich breit. Ein Fahrgast geht nach vorne zum Chauffeur - und wieder ist es ganz still im Bus ... wir könnten ja ein Wort verpassen. Alles hört man nicht - aber doch soviel, dass dieser Mann die Frage stellt, die wir uns Alle stellen: Sitzen WIR im falschen Bus - oder fährt der CHAUFFEUR die falsche Route?

Kurzes Knirschen und Knarren im Mikrofon - dann die Stimme des Fahrers: "Liebe Gäste - ich habe gestern eine Tochter bekommen. 3kg 400gr. schwer, 52cm gross, putzmunter. Das schönste Kind welches die Schweiz - nein, die Welt! je gesehen hat. Meine Gedanken sind bei ihr und meiner Frau - entschuldigen Sie mich bitte, dass ich wohl aus dem Gefühl heraus und meinen Gedanken folgend Richtung Krankenhaus gefahren bin. Ich wende an der nächsten Kreuzung und fahre Sie dann zu den gewohnten Haltestellen. Tut mir leid. Trotzdem einen schönen Abend".

Die Menschen lächeln - ja, sie lachen. Erst nur einfach so, jeder für sich - dann einander an. Jemand beginnt zu klatschen. Und immer mehr Menschen stimmen mit ein. Gratulationsrufe werden laut. Man nimmt es locker, Gespräche untereinander entstehen. So ruhig wie es noch vor 3 Minuten war - so munter und fröhlich geht es jetzt zu und her.
Und sogar der junge, scheue Mann der eben noch da stand, setzt sich plötzlich neben mich und wir plaudern zusammen.

Der Chauffeur wendet wie versprochen und bald ist auch die erste "reguläre" Haltestelle erreicht. Eine ältere Frau mit Gehhilfe steigt aus - 2 junge Mädchen helfen ihr. Der Chauffeur sagt übers Mikrofon: "Auf Wiedersehen und schönen Abend" - von überall her aus dem Bus der gleiche Wunsch. Und so geht es nun Haltestelle für Haltestelle. Wer den Bus verlässt wird verabschiedet, wer rein kommt wird begrüsst ... was entsprechendes Staunen bei dem Jeweiligen auslöst, welches aber sofort von Lächeln und Gegengruss abgelöst wird.
Eine warme Behaglichkeit breitet sich aus.

Sie erinnert mich viel mehr an Weihnachten als all die Beleuchtung, Dekorationen und die Schaufensterauslagen.

Ich hätte noch lange auf diese Weise durch die Gegend gondeln können - endlich weiss ich nämlich, wie die Frau heisst, mit welcher ich immer am Mittwoch Abend im Bus heimfahre - oft haben wir schon zusammen geplaudert, nie aber einander die Namen gesagt. Der junge Mann neben mir heisst Pascal und macht eine Banklehre.

Es war ein schöner Abend, eine besondere Fahrt. Aus Leuten wurden Menschen, die sich miteinander verbanden - wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, so doch für eben genau diesen Moment. Wir Alle hatten es plötzlich gar nicht mehr so wahnsinnig eilig nach Hause zu kommen.
4 Minuten an Fahrzeit verloren - dafür ganz viel gewonnen. Nicht messbar in Zeit und Geld. Aber im Gefühl.

Irgendwie freue ich mich auf nächsten Mittwoch, wenn ich wieder den 18.30h Bus besteige.
Vielleicht trifft man den Einen oder die Andere ja wieder?
Hoffen wir das Beste!

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Liebe Sternenmeer,
Du hast bei mir grad richtiges Gänsehautfeeling ausgelöst.....Danke

lg Claudia

Sternenzaubers Geschichtenhimmel hat gesagt…

...mehr an Kompliment geht nicht. DANKE, LIEBE CLAUDIA!!

Von Herzen
Sternenzauber

Anonym hat gesagt…

Sternenzauberblog gspicheret bi mine Favorite! bi scho chli süchtig nach dine Gschichte....
lache u schmunzle inbegriffe u natürlech gäng gspannt uf di nächschti :-) lg Irène

Sternenzaubers Geschichtenhimmel hat gesagt…

Wowwh! Isch das schön!
Danke viu mau, es tschuderet mi de aube grad vor Fröid!

Isch mer immer wider nöie Aschporn.
Es fägt eifach.

Härz-Lächel-Grüessli
Sternenzauber

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