Donnerstag, 3. Mai 2012

KOMMUNIZIEREN GEFÄHRDET

Eine provokative Überschrift.
Und als Blog-Thema beinahe schizophren.
Scheint es ... zumindest auf der ersten Blick.

Das Thema hier wieder einmal aufzugreifen - dies habe ich Dodo zu verdanken. Sie hat mich gestern, unbeabsichtigt, auf die genau richtige Spur gebracht. Nämlich durch ein Missverständnis. Oder auch keins. Ironie des Schicksals?
Ironie auf jeden Fall.

Begonnen hat es damit, dass ich auf meiner FACEBOOK-Seite auf folgende Ausstellung aufmerksam gemacht habe - und auf eine Veranstaltung vom nächsten Mittwoch, 09. Mai 2012.
INTERESSANT!

Gefährdet kommunizieren?
Mittwoch, 9. Mai 2012, 19 Uhr, Museum für Kommunikation

Jederzeit über alles informiert. Immer und überall erreichbar. Die heutigen Informations- und Kommunikationstechnologien eröffnen uns neue Welten. Bringen sie uns weiter? Oder tappen wir in eine Falle?
Anlässlich der aktuellen Wechselausstellung «Warnung: Kommunizieren gefährdet.» diskutieren Miriam Meckel, Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen und Publizistin, und Lukas Bärfuss, Schriftsteller und Dramaturg, über ihren persönlichen Umgang mit der Kommunikationsflut. Geleitet wird das Gespäch von Hannes Hug, Radio- und Fernsehmoderator.
Jederzeit über alles informiert. Immer und überall erreichbar. Die heutigen Informations- und Kommunikationstechnologien eröffnen uns neue Welten. Bringen sie uns weiter? Oder tappen wir in eine Falle?

Sie kommentierte meinen Vorschlag mit "Tönt spannend.Gehst Du hin und kommunizierst uns dann darüber?" - was ich meinerseits eine Superidee fand und deshalb mit "Ja, hab ich vor! Klar, mach ich!" beantwortete. Was sie wiederum mit "...war augenzwinkernd gemeint ..." kommentierte.
Ich hab dann gegrinst - über dieses zweischneidige Schwert. Um anschliessend sehr ernst zu werden, weil genau DAS diese Ohnmacht betroffener Menschen aufzeigt. Meine Ohnmacht - und nur von dieser kann ich sprechen - liess überaus schmerzhaft die Wunden, die Narben brennen.
Es war für mich eines der einschneidensten Vorfälle meines Lebens, hautnah mitzuerleben, wenn Kommunikation eben nicht nur gefährdet - sondern fast tötet. Zumindes Lebenspläne, Wünsche, Träume, Partnerschaften, Freundschaften.
Ich erlebe es wöchenlich in meiner Arbeit in und rund um die Selbsthilfegruppe für Angehörige von Menschen, denen eben besagte grenzenlose Kommunikation zum grossen Lebensstolperstein wurde, WAS passiert, wenn DAS passiert.  
Die Familie kommt als System an ihre Grenzen und weit darüber hinaus, Arbeitgeber machen es nicht mehr mit - Karrieren scheitern, grenzenlos Geld wird bezahlt für Glücksspiele und kostenpflichtige Pornoseiten, Freunde ziehen sich zurück ... das soziale Netz kommt völlig zum erliegen. Und selbst Fachleute stehen diesem Problem (noch) grösstenteils hilflos gegenüber.
Und plötzlich ist der Betroffene sehr einsam - auch wenn man auf Facebook mindestens 600 "Freunde" hat.

Bei stoffbezogenen Süchten kann man klar sagen: Wenn man Jemanden mit der Spritze im Arm antrifft - der / die ist süchtig. Ab wann sagt man das, wenn man Jemanden antrifft, dessen Finger über die Tastatur eines Computers flitzen?
Mein "missverstehen" gestern Abend hat es mir mal wieder ganz klar vor Augen geführt ... diese hauchdünne, gefährliche Klinge auf der wir uns in diesem Bereich bewegen. Kommunikation via Compi., Handy usw. ist nicht mehr wegzudenken und eine Selbstverständlichkeit. Was ist gewollt - was ist verlangt - was ist lästig, störend - und was ist definitiv zu viel? Was ist "normal"?.
Nicht jeder Mensch ist in der Lage, sich selber zu regulieren. Ganz abgesehen davon, dass man sich erst mal sehr gut kennen muss - die Stärken und die Schwächen.
Und wisst ihr, wie viel Mut es braucht, vor den Arbeitgeber hinzustehen und z.B. zu sagen: "Bitte meinen Büro-Internetanschluss kappen - und bitte anstelle des I-Phones ein altes Handy mit allerhöchstens Fotofunktion"....?
Beim Handykauf darauf hinzuweisen, dass nur ein Abo ohne Internetzugang möglich ist - und dem Blick des Verkäufers Stand zu halten, der augenrollend und kopfschüttelnd erklärt, dass SOLCHE Abos bei der neuen Generation der Handys gar nicht angeboten werden, man Internetzugang NICHT abstellen könne. Man halt dann ein Steinzeithandy nehmen solle, oder vielleicht so ein Seniorenhandy.
Wisst ihr, wie es sich anfühlt, im Internet-Café sein Foto zu hinterlegen mit dem wichtigen Hinweis: "Sollte ich hier aufkreuzen - bitte lasst mich JAAAAAA nicht an den Computer!" ?
Die Allermeisten von uns wissen das nicht. Vielleicht noch nicht.
Ich weiss es, aus eigener Erfahrung und aus den Erzählungen der vielen Menschen, welche sich mittlerweilen mit diesem Problem langsam aus der Anonymität an die Öffentlichkeit getrauen.
Direktbetroffene, Mitbetroffene.
Dieser Blog ist ein wunderbares Beispiel für meinen Umgang mit den neuen Medien. Er gehört zu mir und ist mir unverzichtbar, selbstverständlich. Jeden Tag bin ich mindestens einmal hier.
Ich freue mich, dass so etwas möglich ist - und doch mahnt es mich immer wieder.
Ich fotografiere so gerne unterwegs ... und stelle es auf Facebook ein. Ich kriege Mails und antworte.
Bin täglich beruflich im Internet.
Ich freue mich, dass so etwas möglich ist - und doch mahnt es mich immer wieder.
Ich erzähle euch dies alles aus eigener Betroffenheit - und nutze genau in diesem Moment DAS, wovor ich auch warne. Aufmerksam mache.
Sage: "Das Mass aller Dinge macht es aus".
Ihr fragt: welches Mass?
Ich sage: "Wir müssen es gemeinsam herausfinden".
Sprechen wir zusammen darüber.
Nicht immer - aber immer wieder.

UND HOFFE, GEHÖRT ZU WERDEN.
IMMER WIEDER.
DANKE.

Kommentare:

alice hat gesagt…

ich bin ja in meinem Alter bereits etwas seniorenhaft eingerichtet, habe kein Laptop, sondern ein Computer, mein Handy ist nicht auf dem neusten Stand. Aber auch ich muss mir manchmal überlegen, wieviel geht, und wieviel ist ungesund...oder nimmt mir zu viel Privatleben weg.
Mein Handy ist seit gestern morgen tot....ich bin schon fast am Verzweifeln...und obwohl ich Fieber und Halsweh habe, geh ich nun mal zum Handyladen, um abzuklären was da los ist...
Na ja....es gibt aber bestimmt schlimmere als ich.

PS: Hast du mich heimlich geküsst, liebes Fränzi...oder warum hab ich nun auch solche Anzeichen...?!?

♥♥♥Grüesslio, Alice

Dodo hat gesagt…

Liebes Fränzi
da du mich und meine Aussage so öffentlich zum Thema machst, muss ich ja hier wohl auch kommunizieren... Was ich als Wortspiel dachte - und du weisst, ich liiiebe Wortspiele - hat offenbar bei dir mehr ausgelöst als erwartet. Auch das gehört dazu. Die Sucht, das Suchtverhalten betreffend der modernen Kommunikationsmittel lässt sich nicht wegdiskutieren. Und ganz ehrlich, wer das hier liest, hat wohl einen Anteil davon bei sich festzustellen. Aber mein Thema dabei ist eher das der Kommunikation ohne Ton und Mimik, ein Problem, das mir ab und zu wieder das Bein stellt. Zum Glück gibt es all die :-) :-( :0) >:( <3 und wie sie alle heissen und dreinschauen - und das ich eben vergessen hatte in meinem ersten Kommentar und in Worten nachsenden wollte - denn ohne sie sind Worte eben nur Worte ohne die Bedeutung, die in Tonlage, Lautstärke, Körperhaltung usw. ersichtlich oder hörbar sind. Wie viele verschiedene Betonungen bringt ihr aus dem Wörtchen "ja" raus? Und auf wieviele Arten könnt ihr es schreiben? An der Tastatur, ok, aber per sms? Und wie schnell wird da etwas falsch verstanden, schmerzt, wo es aufstellen sollte, wird belacht, wo es um Hilfe ruft, macht wütend, wo es als Scherz gemeint war.
In diesem Sinne war mein augengezwinkertes "kommunizierst du uns darüber?" ein Wortspiel, das sowowhl deine allgemein sehr kommunikative Art wie auch die Ironie einer Kommunikation über Kommunikation ins Auge fasste. Wohl etwas verfehlt, und dennoch offenbar ins Scharze treffend, was mich wiederum freut. Danke fürs Erwähnen! Und hier noch zur Klarstellung des Untertons: :-)
(gutmütig-fröhliches Lächeln)

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