Ich tue es fast jeden Tag. Mit abwechselnder Begeisterung.
Einerseits eine wunderbare Sache: Einsteigen. Zurücklehnen. Ausspannen. Je nach Lust und Laune lesen, Musik hören, sich mit dem freundlichen Sitznachbar entspannt unterhalten, Gegend anschauen, Augen zumachen, arbeiten - was auch immer.
Andererseits eine manchmal nervige Sache: Zu wenig Plätze im Feierabendverkehr, duschresisitente VorSichHinStinker und DeoAbstinenzler, Klassenausflug der Unterstufe - schlimmer noch der Oberstufe, HandyDauerTelefonierer, Klo kaputt, Ausfall der Klimaanlage im Hochsommer.
Und manchmal trifft man auf ganz Menschen, die in all dem Trubel ihre Äugelein einfach mal schliessen, ins Nirwana abdriften und munter drauf los schlafen.
Auf so einen Kumpanen traf ich gestern. Legt euch jetzt relaxed zurück und lasst euch von der Sternenzauber-Tante berichten:
Da war doch dieser Extrazug gestern, 10 Minuten Zeitgewinn für mich! Toll! Nicht allzu viele Menschen ... die kommen ja erst in 10 Minuten, was so viel heisst wie: Sitzplatz-Garantie! Also nix los, rein ins Abteil und Platz am Fenster gesichert - und erst noch Fahrtrichtung, dann wird mir nicht übel.
Wer weiss, vielleicht sehe ich ja auch mal wieder ein Reh am Waldrand stehen, oder Füchslein übers Felde jagen. Zumindest und auf jeden Fall Amseln. Oder Spatzen. Komme rechtzeitig zum Frisör und werde zeitgerecht auf Bella Donna getrimmt. Schätzu wird staunen.
Der Abend hatte also richtig gut begonnen.
Ein jüngerer Mann, so um die 30 fragt mich, ob der Platz mir gegenüber noch frei ist. Ich nicke, er setzt sich. Wir begutachten uns kurz um abzuchecken ob ein Gespräch gewünscht wird.
ICH: *Lächel* - was Redebereitschaft signalisiert.
ER: *GÄHN* - das war deutlich!
Meine eben getätigten Beobachtungen wurden dann auch sofort in zumindest 3 Punkten bestätigt: er ass hastig ein Sandwich (ergo hungrig), trank gierig eine Apfelschorle (ergo durstig). Anschliessend gähnte er (ergo müde), schloss die Augen und lehnte sich im Sitz zurück. Nach wenigen Minuten sackte sein Kopf nach hinten in den Nacken, Mann öffnete seinen Mund meilenweit und pennte den Schlaf des Gerechten.
Echt ... der Mund war dermassen aufgerissen ... ich sah sein Gaumensegel im Atemwinde flattern, das Halszäpfchen hüpfte fröhlich in der Gegend rum, die Mandeln waren noch vollzählig und ich meine sogar gesehen zu haben, dass sein Blinddarm eine leichte Entzündung aufweist. Dies sollte er aus meiner Sicht abklären lassen. Dringend.
Auf Höhe Münsingen, also auf halbem Wege, war der Mann dann in Ontario angekommen und sägte da den gesamten Baumbestand rücksichtslos nieder. Dermassen, dass ich nahe dran war, mit Greenpeace Kontakt aufzunehmen. Leute, es nahm Töne ... Formen an ...!
Und noch bevor ich irgendwie in diese Richtung etwas unternehmen konnte, röchelte mein Gegenüber beängstigend, ruckte kurz aber heftig im Sessel, öffnete für eine Zehntelsekunde die Augen. Ich lächelte. Er schloss die Augen gleich wieder. Sein Kopf pendelte wie losgelöst auf den Schultern, um dann 20 Sekunden später nach vorne runter, auf seine Brust, zu knallen. Ich machte mir in diesem Moment echt Sorge, ob es ihm bei dieser groben Aktion nicht etwa den Atlas (oberster Wirbel, wird auch "Nicker" genannt) rausgehauen hatte! Nun ja, so schlimm kann es nicht gewesen sein, er pennte nämlich fröhlich weiter. Allerdings schien jetzt sein Gaumensegel gequetscht und die Bäume in Ontario wesentlich stabiler - oder bei der Kettensäge besagten Mannes muss irgendein Motorendefekt eingetreten sein - es tönte quietschig, sehr gepresst und irgendwie unnatürlich.
Das lag vielleicht am Wetter ... in Ontario wird nämlich ein unsäglicher Sturm aufgekommen sein, es muss so sein - seine Lippen zitterten flatterten jetzt nämlich bei jeden Atemzug wie Espenlaub.
Ein Anblick für Götter! Und Göttinnen!
Und ich dankte in diesem Moment Gott innerlich auf den Knien, dass ich nienienie im Zug schlafe! Lehnte mich bei diesem Gedanken selbstzufrieden in die Polster zurück. Und lächelte.
Irgendwie wirkte das ganze Szenario auf mich doch sehr einschläfernd. Sein regelmässiger Atem, das Lippengeflattere, verbunden mit den balzartigen Schnatterlauten und dem eindrücklichen Blasebalg-Backenblähen ähnlich dem des auffälligen Fregattvogels.
Nur einen kleinen Moment die Augen schliessen - in 5 Minuten muss ich ja dann eh Aussteigen. Dachte ich so bei mir.
An diesen letzten Gedanken erinnere ich mich noch.
Dann an nix mehr.
Erst wieder, als der vis-à-vis-Mann mich an der Schulter leicht schüttelte: "Halllloooo ... Siiieeeee ... wir sind in Thun ... Endstation ... sie sind wohl eingeschlafen". Sagte er und grinste dazu.
Den Sabberfaden im linken Mundwinkel wischte ich unauffällig weg. Lächelte ein wenig verlegen und ordnete mein sperrig Gefieder.
OB ER MICH BEOBACHTET HAT?



























