Freitag, 5. Februar 2010

STARS MIT ZAHNLÜCKEN

Gestern Abend war es endlich soweit. Wie bereits angekündigt, war ich geladene Gästin des Theaterspiels "König Severins Tochter haut ab", ein Märchenspiel der 1. / 2. Klasse eines kleinen Dörfchens weitab von allem. Mein Patenmädchen Sabrina hatte mich dazu mittels Flyer offiziell eingeladen - und es war mir sowohl Selbstverständlichkeit wie auch Ehre, diesem Event beizuwohnen.



So machten Chef und ich uns dann beizeiten und noch vor Feierabend auf den Weg nach Hause, um Sabrina (sie ist seine Tochter, mein Gottemeitschi) vor ihrem grossen Auftritt noch glücksbringend über die Schulter zu spucken. Wir haben es aber dabei bewenden lassen, ihr schulterklopfend viel Glück zu wünschen - denn ihre kleine Schwester Elena hätte uns das mit dem Spucken abgeschaut und zu unser aller Leidwesen sofort nachgemacht ... sie ist ein kleiner Wirbelwind, ein Luusmeitschi der Sonderklasse.

Zu Hause angekommen, trafen wir auf eine hibbelige Sabrina und eine nicht minder hibbelige Mama. Oma als ruhender Pol zwischen den nervengepreizten Parteien. Oh ... wie kenne ich das nur zu gut aus der Schulzeit meiner Jungs ...
Mäxchen war damals (!) ein derart ruhiges Kind, dass seine erste, grosse, tragenden Rolle die Darstellung als Baumstamm war. Ohne Text - versteht sich von alleine. Wie habe ich damals - aufgeregt und stolz zugleich - ihm das Rindenkostüm angezogen und die Baumkrone in Form einer stil-entarteten Badekappe mit grünen Kabelsträngen und Pappeblättern aufgesetzt. Mäxchen war der schönste, tollste und wundervollste Baumstamm ever. Das unterschreibe ich noch heute ohne Wimpernzucken!

Nun gut - Sabrina und Mama gingen von dannen, wir Fussvolk blieben zurück um noch auf Sabrinas Götti mitsamt Anhang zu warten. Kurz nach 18.00h machten wir uns dann auch auf den Weg ins Schulhaus - da, wo das Grossereignis stattfand. An Bauernhöfen, wiederkäuenden Kühen, Feldern vorbei, auf Strässchen mit Schotter und Schleichwegen zwischen Bäumen und Sträuchern, erreichten wir das kleine, herzige Schulhaus.

Drinnen waren die Akteure schon lautstark zu erahnen. Die Lehrerin probierte einigermassen Ruhe und Gelassenheit in die Reihen der kommenden Stars zu bringen - putzte Nasen, schminkte die Seiltänzerin, den Tanztrupp und das Zirkuspersonal, Hofpersonal bekam Häubchen auf und man stopfte den Pulli des kleinen Jungen aus, der dann den Cola-bauchigen König zu spielen hatte.
Herrlich war es, diesem Ameisenhaufen-ähnlichen Gewusel von enthusiastischen Kinder-Ameisen und angespannten Mama- / Papa-Ameisen zuzuschauen.

Das ausgiebige Beschauen führte dazu, dass wir ein bisschen spät in den Singsaal kamen und dadurch die besten Plätze bereits belegt waren - so nahmen wir Platz in Reihe 6. Ich hatte wieder mal dieses abartige Glück, hinter einem Hünen von Mann sitzen zu kommen. Als wäre das alleine nicht schon genug an Strafe, balancierte er seinen kleinen Sohn Janosch stehend auf den Knien. So kam ich in den Genuss, Janoschs Rückfront detailliert zu begutachten. Die Bühne vorne konnte ich leise erahnen.
Das Glück verlässt mich in solchen Momenten regelmässig. Gehe ich ins Kino, sitzt stets der grösste Mann vor mir. Grundsätzlich gewinne ich an Wettbewerben nie irgendwas. Sollte es aber trotzdem mal der Fall sein, so sind es Dinge wie 10 Rollen Klopapier mit meiner Namensprägung, goldfarben - oder den Nylon-Seesack in dezentem Matschgrün von Kamillosan - hat Sohn Moritz kurzerhand unter erzürntem Protestgeschrei im zarten Kindergartenalter zerfetzt, weil ich ihm den als Turnbeutel andrehen wollte. Mea culpa.

Nun denn. Die Lichter gingen aus (... und sofort begannen die kleinen Geschwister der schaupielenden Garde nach dem Nuckel zu krähen ...), die Show konnte beginnen. Spot an! Auf der Bühne standen sie nun, die Erst- und Zweitklässler in den diversesten Grössenausprägungen, ins ungewohnte Scheinwerferlicht blinzelnd, lächelnd in sämtlichen Varianten des Zahnwechsels. Ein Bild für Götter!


Die einen lächelten als würden sie jetzt gleich für den OSCAR nominiert, andere deuteten scheu ein Lächeln an, der Bub dort hinten grinste von einem Ohr zum anderen und das kleine Mädchen vorne links verzog ängstlich den Mund in Richtung "lächle mal!".

Das Theaterstück war wirklich liebevoll mit den Kindern einstudiert und der Lehrerin gebührt meine volle Hochachtung, jedes der Kinder hatte seinen Part und grossen Auftritt. Der König war einen guten Kopf kleiner als sein ihm angetrautes Weibe, welche zeitweise ein wenig gelangweilt an ihrem Rocke rumzupfelte und die Deko begutachtete. Die Prinzessin überragte Alle bei weitem und führte ein (drehbuchbedingt) loses Mundwerk - diese beiden Dinge kenne ich aber bereits von meinen Kindern und war darüber ergo nicht weiter irritiert.
Der Raubkatzendompteur hatte einen Heidenspass, die kleine Peitsche auf den Hosenboden der armen Tier-Akteure zu hauen. Zudem waren diese insofern sowieso geplagt, als dass die gefährlichen Löwen und Tiger genau diese Monster-Tier-Pantoffeln als Verkleidung um den Kopf geschnallt hatten, welche bei mir neben dem Bett stehen. Mein Zwerchfell machte wieder mal die La-Ola-Welle! Während der Clown bei der Tanzeinlage seine rote Nase verlor, musste dem König einmal noch der Text souffliert werden - ansonsten verlief diese Vorstellung normal herrlich-chaotisch, wie Schulvorstellungen eben so laufen.
Die Eltern knipsen sich die Finger lahm, Grosseltern filmten was das Zeug hielt und überhaupt - sämtliche Angehörigen beäugten, bewunderten den familieninternen Star auf herzlichste Art und Weise.

Fragt man mich nach der Meinung, so ist völlig klar, dass "meine" Sabrina weitaus das meiste Talent auf die Bretter, welche die Welt bedeuten, gelegt hat. Als Seiltänzerin war sie unnachahmlich gut. Soviel steht fest.

Nach der Vorstellung - bei Kaffee und Kuchen - tobten König, Königin und Prinzessin mit den Tigern, Löwen, den Hofangestellten und sämtlichen anderen Darstellern durch die Gänge des idyllischen Schulhauses. Irgendwann gab es dann bei Sabrina auch noch heisse Tränen, weil der König ihr ein Bein gestellt hatte und sie so was von auf die Nase flog. Das arme Kind war kaum mehr zu beruhigen und die Schminke der Augen vermischte dann mit dem Lippenstift, als die junge Dame mit dem Unterarm ihre Tränen wegputzte.
10 Minuten später war Versöhnung und 1 weitere Minute später spielte man schon wieder in friedlicher Eintracht zusammen.

WENN ES DOCH AUF DER WELT NUR IMMER SO WÄRE!

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