Sonntag, 11. Oktober 2009

DER ICE 06.33h - UND ... WO IST RETO BRAWAND?



Nicht, dass sich jetzt alle Herr Brawands dieser Welt angesprochen fühlen müssen. … der Name ist fiktiv – aber ihn – ihn gibt es wirklich.
Doch bevor jetzt Alle verständnislos mit den Augen rollen, hier die Geschichte:

Jeden Morgen fahre ich mit dem Zug zur Arbeit, es ist der ICE um 06.33h. Ich hab den Dreh auch nach 4 Jahren regelmässigem Zugfahren noch nicht raus, wie man im 06.33-ICE einen Sitzplatz ohne Stahlkappenschuhe, Ellbogenschoner inklusive kleinen, gefährlichen Metallspitzen und mindestens einer hochansteckenden Krankheit (welche mittels Tröpfcheninfektion zu übertragen ist), ergattern kann.
Irgendwie stehe ich immer am falschen Ort auf dem Perron, geht es Dir manchmal auch so? Die Zugtüre fährt regelmässig an mir vorbei  oder hält 3 Meter zu weit vorne. Selbstverständlich verschiebe ich schlaues Köpfchen auch fast täglich meine Warteposition, doch irgendwie … erfolglos.

Mittlerweilen bin ich dazu übergegangen, mich in den Bistroteil mit Selbstbedienung zu schmuggeln, still und leise ein Plätzchen anzuvisieren, mich unauffälligst zuvorderst auf die Plüsch-Kante zu setzen und sozusagen inexistent und ohne mir einen Latte macchiato zu ordern, befördern zu lassen. Sitzend. Frau ist ja nicht mehr 20zig.
Na ja, es mag den regelmässigen Stehern in den Gängen gegenüber vielleicht ein bisschen unsolidarisch wirken und politisch nicht ganz so korrekt sein. Aber was soll ich tun? Mittlerweile sind wir ein ganzes Grüppchen von „eigentlich-bin-ich-gar-nicht-anwesend“-Mitfahrern, die den gleichen Trick wie ich anwenden.
Man grüsst sich unterdessen schon verschmitzt lächelnd und leicht verlegen – ab und zu ist es auch schon vorgekommen, dass der Eine oder die Andere sich alibiweise einen Kaffee holt, sozusagen im Namen aller.

Besonders der Montagmorgen ist für die Mission „unentdeckt sitzend im Bistro mitfahren“ eher kritisch. Da ist nämlich der böse Mann aus Berlin an der Theke. Sein stechender Blick trifft einem schon beim Hereinkommen – man fühlt sich beobachtet und unwohl. Kaum sitzt man, steht ER da – er, der wäre er ein Hund, einen Maulkorb tragen müsste – „wat wolln se???!“.
„Wat wolln se“  trifft meistens mich. Mich, die ich mit meinen blonden, kurzen Strubelhaaren, den farbigen Klamotten und dem bereits morgendlich wohl doch eher auffallenden HALLO-HIER-BIN-Lächeln sehr harmlos wirke . Während sich die Anderen ducken, unsichtbar machen oder angestrengt nach draussen ins noch Dunkel starren und Gott danken, dass es wieder die kleine Blonde erwischt hat und nicht einem selbst …. probiere ich, mir Respekt zu verschaffen und meine ganz persönlichen Rechte zu verteidigen. Auch ich kann blaffen.
Würde der Rottweiler-Berliner zu einem Bernhardiner-Berliner mit Kaffeekännchen um den Hals mutieren, ich wäre die Erste, die ihm einen Kaffee abkauft. Aber wer mir mit seinem strengen , heissen Atem, meine kunstvoll gestylte Bedlook-Frisur nach hinten dirigiert  und mir so nah kommt, dass mein Lipgloss zu zerlaufen beginnt und die Gesichtshaut straffer wirkt – der hat verloren.
Ich feile noch gerade ein wenig an meiner Taktik, ihn ins Leere laufen zu lassen. Ob ich das nächste Mal einfach in einer selbsterfundenen Sprache mit ihm sprechen soll? Eine Lawine von unkoordinierten Wörtern mit  meiner, mir eigenen ausladenden Gestik, dem Berliner vor die Füsse werfen soll? Ich werde davon berichten. Bald.

Doch nun zu Reto Brawand. Auf die Sekunde genau, 3 Minuten vor Ankunft im Zielbahnhof passiert es. Jeden Morgen. Zuverlässig. Mit Schritten im Abstand von 50 cm durchschreitet er den Bistroteil des ICE´s. Er. Seine Schuhe sind stets schwarz und auf Hochglanz gewienert, die Sohle nie abgelaufen und Stäubchen auf dem teuren Leder sucht man vergebens. Seine schwarze Hose aus feinstem Baumwoll-Leinen-Gemisch, mit einem Hauch Seide, ist mittels messerscharfer Bügelkante auf „ganz fein“ getunt. Sommer wie Winter trägt er Hemden, sehr edle Hemden. Farblich variiert es zwischen hellschwarz und dunkelschwarz. An ganz fröhlichen Tagen habe ich ihn auch schon mal in dunkelgrau gesehen – ich war förmlich geblendet! Und immer trägt Reto Brawand Krawatten aus Seide. Mit einem dezenten Muster, versteht sich von alleine.
Seine Mappe ist schwarz, aus Nappaleder handgefertigt und ich wette, seine Unterhose ist ebenfalls schwarz, Feinripp mit Linkseingriff.
Seine Haare sind immer gleich geschnitten – Bürstenschnitt à la Wimbledon-Rasen. Schön akkurat und langweilig. Lächeln tut er nie. Er ist in seiner ganzen Ausstrahlung sachlich, wie ferngesteuert.
Man kann seine Uhr nach ihm stellen, er schreitet IMMER im genau gleichen Schritt-Tempo, zur gleichen Zeit, auf die Sekunde genau, durch den Wagen.

Um diesen Mann mache ich mir Gedanken – vielleicht deshalb, WEIL er so sachlich ist. Aus seinem ganzen Wesen, seiner Art, seiner nicht vorhandenen Ausstrahlung habe ich mir folgendes gebastelt: Er heisst Reto. Ganz unauffällig und  unspektakulär Reto. Brawand schien mir ein angemessener Nachname. Passt zu Reto und überhaupt. Fragt mich bitte dazu nicht detailliert – ich wäre überfordert. Ist so weil ist so.
Reto Brawand ist Buchhalter beim Bundesamt für Informatik. Leitender Buchhalter – also mindestens Abteilungschef. Er ist die Zuverlässigkeit in Person. Stets pünktlich, stets diskret, stets korrekt. Nie wird er cholerisch, macht brav seine Überstunden und trägt in der schwarzen Nappaledermappe die stets gleiche Tupperdose mit, welche seine Mutter immer am Morgen für ihn mit Vollkornbrot , einem rotbackigen Apfel und – bei guter Laune – mit einem Schoko-Müsliriegel befüllt.
Das ist Reto Brawand und er gehört zu meiner täglichen Zugfahrt.

Seit Anfang Oktober gilt er als vermisst. Zumindest bei mir. Kürzlich hat aber sogar ein regelmässig Mitreisender mich darauf angesprochen, wo der „komische schwarze Mann“ wohl denn sei  … er ist ergo nicht nur bei mir eine Gewohnheit geworden.

Ob er seine Arbeitsstelle gewechselt hat? Vielleicht ist er ja ins Bundesamt für  Statistik berufen worden – ja, das wäre ein Karriereschub, den ich ihm durchaus zutrauen würde.
Viel schlimmer aber … ist Herr Brawand vielleicht krank?

So oder so – ich wünsche ihm im Namen aller 06.33h-ICE-Zug-Bisto-Reisenden gute Besserung!

Nachtrag: ENTWARNUNG - Reto Brawand ist wieder da :-) !


GIANNI VERSACE versus VOLTAREN

Ich nenne ihn meistens liebevoll Schatz. Oder Kater. Bei grosser Sehnsucht Katerli.
Und ich liebe ihn.

Meine Erinnerungen gehen zurück zu den Tagen des ersten Beschnupperns.
Anzufügen ist, dass wir uns vorab stundenlang in Mails beschrieben, anschliessend am Telefon stundenlang beredet und letztendlich kurzentschlossen beraten haben: Er besucht mich. Deutschland besucht die Schweiz.
Zum Schnupperwochenende.

Oh... ohhh... wie erinnere ich mich an den ersten Abend - als er voller Elan und der Geschmeidigkeit einer Raubkatze mein Schlafzimmer betrat.
Er - der mein Held werden wollte. Er - der mein Held werden sollte.
Ein Hauch von Gianni Versace umduftete seinen Körper (Adonis muss in diesem Moment vor Neid erblasst sein...). Ich wette, er hat sich gerade ein paar Sekunden vorher hinter der verschlossenen Klotüre mit dem teuren Duftwässerchen eingenebelt. Sämtliche Rezeptoren (auch Sinneszellen genannt) meines empfindlichen Näschens haben JA geschrien und oléoléolé gesungen. Meine Finger haben sich ins Duvet gekrallt, ich hab tief eingeatmet und lange nicht wieder ausgeatmet.
Was für ein Mann!
Meine Augen folgten ihm gierig - erst wie er in der Türe stand, dann seinen federnden Gang bestaunend, wie er leichten Schrittes das Bett umgarnte, ja umgarnte! Jeder Andere hat es bloss umrundet, umgangen. Er umgarnte.
Seine dunkelblaue BOSS-Shorts lässig XL.

Und das Lächeln ... eine pure Einladung des Sternenhimmels, ein Versprechen des Universums - verbunden mit der tiefgründigen Unendlichkeit seiner mir die Welt zu Füssen legenden Blicke aus diamantbestäubten, traumumnebelten Ozeanaugen.

"Sei jetzt stark, Du autarkes Weib" - sagte mein Inneres. Das war ich auch - und ergab mich sofort, ohne Widerstand. Gegenwehr absolut zwecklos.
Es gibt Momente im Leben, da knallt es.
Boahhh ... hat das geknallt...! Herrlich.

Seither sind Jahre vergangen.
Ich nenne ihn immer noch meistens liebevoll Schatz. Oder Kater. Bei grosser Sehnsucht Katerli.
Unterdessen haben wir viel erlebt und wollen noch viel mehr zusammen erleben! Deshalb haben wir im September 09 auch geheiratet. Und mir ist, als wäre es erst gestern gewesen, als er lässig, nach Versace duftend, mein Leben, mein Reich, meinen Respekt und meine Liebe eroberte. Und sämtlich Rezeptoren - auch Sinneszellen genannt.

Gestern ... tja. Gestern ist es dann passiert.
Da ist mir die Idee gekommen, diese kleine Story aufzuschreiben.
Du möchtest wissen warum?

Oh! Es war der ungefähr 1´200ste Abend unseres gemeinsamen, schönen Lebens. Ich hörte ihn schon leicht stöhnen - auf dem Weg ins Schlafzimmer. Sein Kommen kündete ein herber Duft des Gemisches aus Voltaren-Salbe und Dul-X an. Sämtliche Rezeptoren (immer noch Sinneszellen genannt) meines empfindlichen Näschens haben ..... ach, lassen wir das. Und meine Finger krallten sich ins Duvet. Wie damals.
Ich hab tief eingeatmet - und sofort wieder ausgeatmet. Was ist mit dem Mann...?
Meine Augen folgten ihm - dem Held meiner fröhlichsten Tage und wildesten Nächte. Erst wie er in der Türe stand - und sich erschöpft ins Türkreuz lehnte, den eher schleppenden Gang fragend bestaunen (...ich meinte, Achilles um die Ecke schielen zu sehen..., Adonis war wohl grad Kaffee trinken. Oder so.), wie er sich an der Bettumrandung entlangzog um vorne rechts die Kurve zu kriegen, sich ächzend ins Bett fallen zu lassen und dabei herzhaft hörbar gähnte.
Seine diamantbestäubten und traumumnebelten Ozeanaugen konnte ich leider nicht sehen - er hatte gerade eben den Mund zum Gähnen weit offen, ergo die Augen zu.

"Sei jetzt stark, Du autarkes Weib" - sagte mein Inneres.
Das war ich auch. Ich legte meinen Arm um ihn, kuschelte mich an ihn.
Boaaah - hat das geknallt...! Die Tränen liefen mir runter. Voltaren UND Dul-X ist eine echt fiese Mischung!

Hab ich schon gesagt, dass ich ihn meistens Schatz nenne? Oder Kater. Bei grosser Sehnsucht Katerli.
Und ich liebe ihn.

Für immer und 3 Tage.

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